Solorezital

Auf der Suche nach einem Instrument, das Bach mit Violoncello piccolo bezeichnet hat (notiert übrigens in die Violinstimme des Konzertmeisters), ließ Sigiswald Kuijken nach historischen Plänen das Violoncello da spalla („auf der Schulter“) bauen, ein fünfsaitiges Instrument, das mit einem Gurt um den Hals gelegt und auf der Schulter quasi wie eine Violine gespielt wird.

Wie schon bei der durch ihn wiederentdeckten historischen Spielweise der Violine ohne Kinnbrett öffnet er mit diesem Instrument erneut als Pionier neue Wege in der Interpretation Bachscher Musik. Der Belgier setzt dabei das „Schultercello“ also nicht nur ein, wenn Bach in seine Partitur „Violoncello piccolo“ schreibt, sondern gerne generell auch als Continuoinstrument. Seine erste Einspielung mit diesem Instrument war 2004 die Kreuzstabkantate BWV 56 (mit Dominik Wörner, Bass) bei seinem solistisch besetzten Bach-Kantaten-Projekt für das Label ACCENT. Vermutlich dachte Bach bei seinen sechs Cello-Suiten ebenfalls an das Violoncello da spalla, so die These Kuijkens.

Das Kirchheimer Publikum darf ihm über die Schulter schauen und hören, wie er die Cello-Suiten eins, vier und fünf des Leipziger Thomaskantors neu interpretiert.

Pressekritik

“Ein herrlicher Winterabendtraum
Der russische Cellist Dmitry Badiarov spielt für Sigiswald Kujiken beim Kirchheimer Konzertwinter

Der russische Cellist Dmitry Badiarov gastierte mit den Suiten 1 (BWV 1007), 4 (BWV 1010) und 5 (BWV 1011) in der protestantischen Kirche beim Kirchheimer Konzertwinter. Eigentlich hätte dort am Sonntag Sigiswald Kujiken gastieren sollen. Der war aber kurzfristig verhindert. Badiarov war mehr als nur ein Ersatz. Er spielte die Suiten schön, anrührend, perfekt.

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Und das vor einem stattlichen Publikum. Die Kirche war voll besetzt. Einige Spätkommer mussten sich sogar mit Plätzen auf sehr engen Bänkchen begnügen. Dafür bekamen die Besucher einen großartigen Konzertabend geboten. Die Cello-Soiree war ein großes Ereignis und nicht zuletzt eine tolle Entdeckung.

Denn es wurde schnell klar, warum sich junge Celloschüler mit Bachs Suiten quälen und warum sie lieber Violine spielen. Weil der Bogen nahe am Kinn und der Nase streicht und nicht an den Beinen. Der Russe Badiarov spielte die Suiten auch nicht auf einem traditionellen Cello, sondern auf einer „Viola pomposa“, einem „Violoncello da spalla“ (Schultercello), das man wie eine Bratsche oder eine Violine spielt.

Dieses Streichinstrument ist etwas dicker und länger als die Bratsche und kleiner als ein Cello. Sehr wahrscheinlich hat Bach die „Pomposa“ selbst erfunden. Das hatte sowohl einen Grund als auch einen Sinn. Bach orientierte sich an jenen französischen Komponisten, die sich peu a peu von dem alten Akkordspielen getrennt und bereits schon virtuoses Musizieren kultiviert hatten.

Dmitry Badiarov liebt das Schultercello. Er ist nicht nur ein Musiker, sondern auch ein ausgebildeter Geigenbauer. Musik studierte er in St. Petersburg und Brüssel. Seit 2000 reist er mit seinem Schultercello durch die ganze Welt. Sein Kirchheimer Konzert war ein herrlicher Winterabendtraum.

Ein Traum? Oh je. Wäre der geniale Komponist Arnold Schönberg noch am Leben, würde er erklären, dass man die sprachlosen Offenbarungen der Musik eigentlich kaum in die Sprache der Menschen übersetzen kann. Man sollte auch mit Adjektiven aus Opas Setzkästchen ein bisschen vorsichtig umgehen. Meister Schönberg erlaubt den Musikfreunden aber dennoch, einige eigene Beobachtungen und Gefühle mitzuteilen. Die Ohren müssen bei einem kratzigen Tremolo natürlich nicht gleich einen Sandsturm assoziieren oder die Herzen bei einer süßen Melodie a la Puccini einen schmachtenden Liebesbrief an Aida oder Elise.

Dmitry Badiarov beherrscht die Kunst der klingenden Eloquenz. In den langsamen Sarabanden meinte man Kantaten-Arien zu hören. Bei ihm gibt es keine schlampigen Überleitungen. Jeder Ton hat einen Sinn: sowohl bei Ornamenten als auch bei Läufen. In tänzerischen Sätzen, den Menuetten, Bourrees und einer Gavotte, spürt man Badiarovs Schwung und seine rhythmischen Feinheiten. Die drei Preludes spielt er stellenweise fast ein bisschen balladesk, aber mitunter auch nahezu meditativ und kontemplativ. Es gibt bei ihm auch eine feine Dynamik, die er durch sanftes Auslaufen der Töne vor den Kadenzen erzielt. Sehr interessant sind auch seine raffinierten Echo-Effekte und das typisch „barockische“ Spiel zwischen den tiefen Generalbassstimmen und den Stimmen in den hohen Lagen.

Bei der 5. Suite hatte man das Gefühl, dass deren Sarabande ein musikalisches Selbstgespräch, ein Monologue Interieur oder gar das Gebet eines sehr sensiblen, nahezu philosophischen Komponisten ist. Die Akustik der Kirchheimer protestantischen Kirche ist übrigens ideal für Kammerkonzerte und hervorragende Solisten wie Dmitry Badiarov.”

Die Rheinpfalz, 21. Februar 2012 | Gerd Kowa

So. 19. 02. 2012,  17:00 Uhr

Solorezital

J.S. Bach

Suite 1, BWV 1007
Suite 4, BWV 1010
Suite 5, BWV 1011

Sigiswald Kuijken

Dmitry Badiarov
Violoncello da spalla

Eintritt frei, Spenden erbeten