Orgelkonzert
Max Reger bezeichnete Johann Sebastian Bach als „A und Ω - Anfang und Ende aller Musik“. Dies gilt in besonderem Maße für sein Orgelwerk, welches die Zuhörer auch über 300 Jahre nach ihrer Entstehung immer wieder neu in ihren Bann zu ziehen vermag. Die Musik nimmt dabei gefangen durch ihren immensen Ausdrucksreichtum, ihre kühnen Harmonien und ihre kunstvolle Polyphonie. Frauenkirchenorganist Samuel Kummer, neben seiner preisgekrönten Literaturspielkunst gerühmt für seine einzigartige Improvisationskunst, wird neben Werken des Thomaskantors und des Bach-Sohnes Carl Philipp Emmanuel, Stücke des vor genau 300 Jahren verstorbenen Juan Bautista José Cabanilles dem „spanischen Bach“ und damit dem bedeutendsten Barockkomponisten Spaniens spielen. Er war 45 Jahre lang Organist der Kathedrale von Valencia. Seine Werke sind virtuos und zukunftsweisend. Außerdem wird Samuel Kummer über vom Publikum gestellte Themen an der von der Firma Mönch rekonstruierten Kirchheimer Hartung-Orgel (gebaut um 1750) improvisieren.
„Virtuose mit riskanten Kunststücken
Samuel Kummer, der Organist der Dresdener Frauenkirche, zeigt in Kirchheim seine beeindruckende Improvisationskunst
Der Organist der Dresdener Frauenkirche, Samuel Kummer, begeisterte am Sonntagabend das Publikum zum Abschluss des Kirchheimer Konzertwinters in der vollbesetzten protestantischen Kirche durch seine beeindruckende Manual- und Pedaltechnik, durch überzeugende Registerwahl und durch eine große Vielfalt an Abstufungen in seiner Artikulation – vom zierlichsten Staccato bis zum strengen Legato.

Wunderbarer Konzertwinter-Abschluss: Aus den Vorschlägen des Publikums wählte Samuel Kummer fünf Themen, die er immer auf andere Weise zu wirkungsvollen Musikstücken formte.
Die kleinen rhythmischen Verzögerungen und Beschleunigungen, die er an allen Werken des ersten Konzertteils anbrachte, entsprechen gewiss dem, was Spezialisten der barocken Aufführungspraxis aus den zeitgenössischen Traktaten herausgelesen haben, stören aber auf die Dauer doch etwas. Vor allem bei Werken, deren Musiksprache weit über ihre Entstehungszeit hinaus in die Zukunft weist. Wie meisterlich könnte der großartige Organist erst spielen, wäre er nicht in so hohem Maße „historisch informiert“!
Zwei Werke von Juan Bautista José Cabanilles eröffneten das Programm. Die sehr ernste, beeindruckende Musik steht dem Frühbarock näher als Johann Sebastian Bach. Daher ist die Bezeichnung „Spanischer Bach“ für diesen Komponisten eher unangebracht. Schon hier glänzte der Organist durch differenzierte Artikulation, durch sehr lebendig und immer wieder anders gespielte Verzierungen und durch die Sicherheit, mit der er auch schwierige Parallelpassagen wie selbstverständlich spielte. Trotzdem wirkte das erste Stück, Tiento 6 tono“, auf die Dauer ermüdend, da es bis auf eine Ausnahme nur durch leicht verzögerte Kadenzierungen, nicht durch Registerwechsel gegliedert wurde. Im zweiten Stück, einer „Corrente italienne“, führte Samuel Kummer mit seinen einfallsreichen Registrierungen vor, wie klangschön und vielfältig die Kirchheimer Orgel ist.
Carl Philipp Emmanuel Bachs zerklüftete und doch auch empfindsame Tonsprache auf der Orgel, statt wie gewohnt auf Clavichord oder Hammerflügel zu hören, berührte eigenartig. Die bisweilen fast sinfonisch anmutende Sonate g-Moll Wq 70/6 erinnert in ihren düsteren Teilen, vor allem im dritten Satz, an den älteren Bruder W. Friedemann. Zwischen romantischen forte-Passagen eingeschobene zarte Stellen verlangten blitzschnelle Manualwechsel, die souverän gelangen. Auch die jetzt viel mehr gebundene Spielweise – unterbrochen durch elegante Staccati – war dem Werk angemessen.
Höhepunkt des ersten Programmteils waren die beiden Kompositionen Johann Sebastian Bachs. Das wenig bekannte Werk Präludium, Trio und Fuge B-Dur BWV 545b mit seiner imponierenden Fuge am Schluss und dem machtvollen Präludium bot dem Organisten Gelegenheit, auch seine Pedaltechnik zu zeigen und gleichzeitig vorzuführen, über welch mächtigen Pedalbass die Kirchheimer Orgel verfügt. Großartig gespielt war der auch manuell sehr schwierige Mittelteil, der gewiss manchem Hörer bekannt vorkam, da er Teile der letzten Gambensonate Bachs verwendet. Kunstvoll ausgespielte Kadenzen sorgten für eine klar verständliche Gliederung des komplizierten Satzes. Die Architektur der Schlussfuge wäre durch zugegebenermaßen unhistorische Lautstärkenwechsel noch besser zur Geltung gekommen. Die abwechslungsreiche Registrierung der verschiedenen Teile des Werks ließ über die Vielfalt an Klangfarben staunen, die das relativ kleine, nur zweimanualige Instrument bietet.
Jeder einzelnen Variation der Partita „Sei gegrüßet, Jesu gütig“ gab der Organist eine neue Klanggestalt. Noch eindrucksvoller als bisher schon kam zur Geltung, welch wunderbares Instrument diese Orgel ist. Erstaunlich, wie Kummer die blitzschnellen Registerwechsel ohne Hilfe eines Registranten vornahm, auch in der meisterlich registrierten zehnten Variation, die in wunderbarer Gelassenheit dargeboten wurde. Angesichts der im gesamten ersten Konzertteil immer wieder deutlich werdenden manuellen Sicherheit des Künstlers wurde auch klar, dass die minimalen Tempoverzögerungen Absicht waren, seiner Auffassung von stilgemäßer Wiedergabe dieser Musik entsprangen.
Geradezu unglaublich waren zwei Improvisationen über Kirchenchoräle.
Große Improvisationskunst erlebten die Besucher im zweiten Teil des Konzertes. Aus den Vorschlägen des Publikums wählte Samuel Kummer fünf Themen, die er immer auf andere Weise zu wirkungsvollen Musikstücken formte. Ein heiteres Intermezzo ergab sich, als der Organist sich durch die unerwartet von einem Zuhörer auf der Mundharmonika gespielte Melodie „An der Saale hellem Strande“ nicht beirren ließ. Besonders beeindruckend war die kunstvolle Verflechtung zweier vorgeschlagener Motive, nämlich des Beginns der berühmten d-Moll-Toccata Johann Sebastian Bachs mit den vier Tönen, die den Buchstaben „Bach“ entsprechen.
Geradezu unglaublich aber waren zwei Improvisationen über Kirchenchoräle: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ als kunstvolles Choralvorspiel, das ohne weiteres als von Bach selbst stammend durchgehen könnte, und dann „Nun danket alle Gott“, ebenso kunstvoll, jetzt aber in vollendet nachgeahmter Romantik – Mendelssohn mit Schumann-Anklängen. Bei allen fünf Improvisationen zeigte sich Kummer als großer Virtuose mit riskanten Kunststücken in Händen und Füßen, die alle scheinbar mühelos bewältigt wurden. Der Schlussbeifall war verdient.“
Die Rheinpfalz, 13. März 2012 | Wolfgang Müller-Steinbach